Heute wurde im Verfahren gegen Roxanne ein Urteil verkündet. Wir – der Solikreis Biriq und die Poliklinik Frankfurt – wollen das zum Anlass nehmen, staatliche Gewalt, Verwahrlosung und Zwang anzuprangern und unsere Aufmerksamkeit auf diejenigen richten, die oftmals tagtäglich davon betroffen sind. Staatliche Gewalt kann jede*n treffen. Doch wir wissen, dass all jene, die sich der zunehmend autoritären Staatlichen Ordnung nicht unterwerfen können oder wollen, besonders gefährdet sind.
Deswegen stehen wir hier für Roxanne, die als Schwarze trans Frau 17 Monate im Männerknast verbringen musste. Für Biriq, der von der Polizei in seinem Hotelzimmer im Bahnhofsviertel erschossen wurde. Für Fartoun, die in der JVA Preungesheim sterbengelassen wurde, anstatt ihre Symptome ernst zu nehmen. Für den Toten vom Main Ufer, der, statt Hilfe zu bekommen, erschossen wurde. Für alle, die täglich rassistische, ableistische oder antiziganistische Kontrollen ertragen müssen. Für diejenigen, die durch Armut an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder dafür weggesperrt werden und die, deren Stimmen die Mauern der Zwangsunterbringung und Verwahrung nie durchbrechen können.
Wir bedanken uns bei den Freund*innen, die für die Sichtbarkeit von Roxannes Fall kämpfen und damit das Schweigen und Unsichtbar-machen nicht einfach hinnehmen. Das ist ein Schritt, der vielen zu unbequem ist. Sich schwierigen Lebensrealitäten zu stellen, die zu oft von unzähligen Rückschlägen und staatlicher Gewalt geprägt sind.
Die meisten dieser Realitäten werden wir nie sehen. Gewalt hinter den verschlossenen Türen der Knäste, in Psychiatrien und Wohneinrichtungen, in Heimen und in privaten Wohnungen bleibt unsichtbar. Und der Staat tut alles dafür, dass das so bleibt. Die Institutionen und Behörden legen die Mittel nicht offen, mit denen sie rücksichtslos für vermeintliche Ruhe und Ordnung sorgen.
So werden beispielsweise in Hessen keine vollständigen Zahlen zu Zwangsmaßnahmen, die im Rahmen psychiatrischer Behandlung stattfinden, veröffentlicht – man muss sich hier wohl nicht rechtfertigen, wenn man Menschen ihrer Grundrechte beraubt.
Außerdem findet am 09. Dezember die zweite und vermutlich letzte Lesung zur Änderung des sog. „Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes“ im Hessischen Landtag statt. Am 11. Dezember soll – federführend durch SPD und CDU – beschlossen werden, dass Polizei und Ordnungsbehörden unverzüglich über die Entlassung und den Wohnsitz von Personen informiert werden müssen, die wegen einer Fremdgefährdung in der Psychiatrie untergebracht waren und bei denen davon auszugehen sei, dass durch diese Person „in absehbarer Zeit ohne ärztliche Weiterbehandlung eine erhebliche Gefahr […] ausgehen könnte“.
Weiter heißt es in der Änderung: „Zur abgestimmten Versorgungsplanung bei untergebrachten Personen, für die eine Entlassungsmeldung zu übermitteln wäre, sollen interdisziplinäre Fallkonferenzen durch das entlassende Krankenhaus unter Beteiligung des zuständigen Sozialpsychiatrischen Dienstes sowie der Ordnungs- und Polizeibehörde durchgeführt werden.“ Kurz gesagt: Die behandelnden Ärzt*innen setzen sich mit Bullen und Staat an einen Tisch, um gemeinsam die Freiheitseinschränkung der Betroffenen nach ihrer Entlassung zu planen – und das im Zweifel ohne die Betroffenen darüber in Kenntnis zu setzen. Das stellt nicht nur einen unglaublichen Einschnitt in die Selbstbestimmung und Grundrechte der Betroffenen dar, sondern stellt sie noch mehr unter den Fokus von Staat und Polizei, von deren Gewalt sie ohnehin schon überdurchschnittlich bedroht sind.
Bullen und Staat haben in der Gesundheitsversorgung nichts zu suchen!
Für uns ist klar: Wer die vulnerabelsten in unserer Gesellschaft nicht schützt, schützt niemanden.
Wir begreifen es daher als gemeinsame Aufgabe aller, für eine sichere und gerechte Gesellschaft zu kämpfen, ohne Knäste und Zwang.
Wir fordern auf dem Weg dahin, autonome Kriseninterventions-Strukturen, um Menschen vor dem unprofessionellen, gewaltsamen und oft tödlichen Zugriff der Polizei in Krisensituationen zu schützen, Rechenschaftsberichte und unabhängige Kontrollen von psychiatrischen und staatlichen Unterbringungen, sowie den sofortigen Stopp der Änderung des sog. „Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes“.
Wir wünschen Roxanne und allen von Transfeindlichkeit, Rassismus, Knast und Psychatriesystem Betroffenen viel Kraft – there is no justice, there is just us!



